Tag der Druckkunst

Ausstellung: Raritäten aus unserer Druckwerkstatt.
Holzschnitte und Holzstiche aus dem 19. Jahrhundert, Galvanos mit und ohne Hinterguss, große und kleine Schriftgussmatrizen Stahlstempel, ein Hand-Gießinstrument eine Linien-Biegemaschine und viel mehr alte Werkzeuge.

                                                Im Stadtmuseum Mosbach, Sonderausstellungsraum

aufgrund einer kurzfristigen Entscheidung des Corona-Krisenstabes der Stadt Mosbach wurden alle Veranstaltungen

bis auf Weiteres abgesagt.

Über die folgenden Bilder bekommen Sie einen Überblick der Ausstellung.

Die TypoWalz führte Hamburger Kommunikationsdesignerin Jana Madle-Elmerhaus in die Mosbacher Druckwerkstatt.

Was ein „Muckensäckele“ Grün bewirken kann

„TypoWalz“ führte Hamburger Kommunikationsdesignerin Jana Madle-Elmerhaus in die Mosbacher Museumswerkstatt – Lehrmeister Karl Kretschmer und Guttenberg schauen über die Schulter

Von Peter Lahr

Mosbach. Sie ist eine Wanderin zwischen den Welten – und das nicht erst, seit sie sich auf die Wanderschaft begeben hat, um im Rahmen einer zweijährigen „TypoWalz“ historische Druckereien und Museen in Deutschland aufzusuchen. Vor Ort lernt sie von kundigen Meistern und Künstlern viel vom alten Schriftsetzer-Wissen. Doch Jana Madle-Elmerhaus ist in der digitalen Welt ebenso bewandert, wie in der analogen. Aus beiden Welten berichtet sie gleichermaßen eloquent – und mit einer Begeisterung, die die Zuhörer schnell mitreißt. Für eine Woche war die Hamburger Kommunikationsdesignerin in Mosbach, wo sie sich in Karl Kretschmers Werkstatt intensiv mit dem kaufmännischen „&“-Zeichen auseinandersetzte. Beim Pressegespräch im Stadtmuseum zeigte sich auch Museumsleiter Stefan Müller angetan.

„Ich weiß noch nicht, wohin mein Weg führt, aber ich werde überall mit offenen Armen empfangen.“ So beschreibt Madle-Elmerhaus ihr Lebensgefühl auf der „TypoWalz“. Den Begriff hat sie selbst erfunden. Denn für das Stipendium des „Vereins für Schwarze Kunst“, dem auch die Mosbacher Schwarzkünstler angehören, erfüllte sie nicht alle Auflagen. „Ich bin ja schon Großmutter“, kommentiert sie lachend das maximale Stipendiatenalter von 30 Jahren. „Ich fahre immer für eine Woche mit dem Zug wohin und arbeite dann wieder in Hamburg“, erläutert die Leiterin der Agentur „pix & pinsel“ ihre Wanderschaft, die auch Lektionen des Entschleunigens beinhalte. Dresden, Bruchsal und München bildeten erste Stationen. Nach Mosbach geht es weiter Richtung Stralsund zu den Spielkarten, nach Bremen und zu einem Hausboot an der Ostsee, welches in eine schwimmende Druckwerkstatt umgestaltet wurde.

Ihre Erlebnisse auf den einzelnen Stationen dokumentiert die Typographie-Begeisterte in einem „echten, handgenähten Wanderbuch“. Eine Buchbinderin aus dem „Museum für Arbeit Hamburg“, in dem auch Madle-Elmerhaus aktiv ist, hat mit ihr das prächtige Buch individuell gestaltet – inklusive

Kolumnenschnur. Es bietet Briefe, Zeugnisse und Kunstwerke ihrer Meister auf Zeit. In Dresden zeichnete ein Professor die berühmte Canaletto-Ansicht. Fotos, Stempel, Etiketten und Arbeitsproben runden das Werk ab. In einem kleinen Beutel führt Jana Madle-Elmerhaus ihr Basis-Werkzeug immer mit sich: zwei Pinzetten, einen Holzspatel und eine Ahle.

In Mosbach dreht sich alles um das kaufmännische Verbindungszeichen „&“. Zusammen mit Karl Kretschmer hat sie sich auf Entdeckungsreise begeben und zahlreiche „et-Zeichen“ (lat: und) gefunden. Von 16 bis 84 Punkten Größe. Daraus entwickelte das Duo eine Art Bleisatz-Schmuckblatt. „Wie im Rausch“ kam eines zu anderen. Nebenbei lernte die „Hamburger Deern“ auch „neue Sprachklänge“ kennen, etwa, was ein „Muckensäckele bedeutet. Mit dieser Maßeinheit Grün verfeinerte Kretschmer nämlich das Transparentweiß. Mit der Kraft von 40 Tonnen entstand auf der „Heidelberger“ eine limitierte „&“-Auflage.

Im mittelalterlichen Mosbach einem mittelalterlichen Beruf nachzugehen, das habe durchaus einen besonderen Zauber, betont Madle-Elmerhaus: „Guttenberg könnte jeden Moment vorbeikommen.“ Auch jenseits der Werkstätten hält die agile Schriftsetzerin beide Augen weit offen und erlebt Erstaunliches. So steckte sie die erste Gastgeberin in Dachau kurzerhand in ein echtes Dirndl – „für mich ein befremdliches Gefühl“.

Ihre Begeisterung für Schriften begann einst mit einer sehr hanseatischen Eigenart. Die „Hamburger Schrift“, die gerne in Goldlettern an bedeutsamen Gebäuden prangt, weckte das Interesse von Madle-Elmerhaus. Aus der Recherche entwickelte sich ein Buch. Klar, dass sie auch über die „TypoWalz“ berichtet. Nacht für Nacht in einem opulent gestalteten Blog. Später soll daraus wieder ein Buchprojekt werden. „Aber ich möchte nicht ein weiteres Fachbuch schreiben, sondern Geschichten erzählen und Menschen begeistern von einem großartigen Kulturgut, das vom Aussterben bedroht ist.“

Info: www.typowalz.de

Der Hut steht für die Freiheit

Buchbinderin Anna aus Dresden machte Station in der Druckwerkstatt Mosbach. (von Peter Lahr)

Wenn Anna die Straße entlanggeht, fällt sie sofort auf. Das liegt  schlicht an ihrem Erscheinungsbild. Denn  die junge Buchbindergesellin aus Dresden ist seit dreieinhalb Jahren auf der  Walz. Weshalb ein zerbeulter Zylinder  ihre Lockenpracht vor Regen, Schnee und  Sonne schützt. Zudem gehören ein Frackjackett, ein gedrehter Holzstock („Stenz“) und eine Holzkraxe mit ihren  eingerollten Besitztümern („Charlottenburger“) zur Grundausrüstung. In Mosbach machte Anna nicht nur Station in  der Druckwerkstatt und vertiefte ihr  Wissen um den Handsatz. Zusammen mit  Buchdruckermeister Karl Kretschmer  und Museumsleiter Stefan Müller berichtete Anna dieser Tage im Stadtmuseum auch über das Leben unterwegs.

Um die Faszination der Walz wusste Stefan Müller. Er sah in ihr „eine Nahtstelle zwischen Geschichte und Gegenwart“. „Wir können unser Wissen weitergeben“, verwies Karl Kretschmer auf eine weitere wichtige Funktion. Anna habe bei ihrem Mosbach-Aufenthalt - ermöglicht durch ein Stipendium des bundesweit aufgestellten „Vereins für die Schwarze Kunst“ – ihr Wissen um den Handsatz vertieft. In zwei Wochen diffiziler Handarbeit schuf sie die UN-Erklärung der Menschenrechte von 1948. Für das 30 Artikel umfassende Blatt gingen Kretschmer sogar die Buchstaben aus. Zurück auf Start. Warum begibt sich heute überhaupt noch jemand auf die Walz? Das wollten viele Mosbacher unbedingt wissen. „Bei mir ist es die Neugierde gewesen“, erklärte Anna. Nicht zu  wissen, was Morgen passiere. Etwas  Abenteuerlust und die Möglichkeit, jenseits der ausgetretenen Pfade unterwegs zu sein, um das Fachwissen zu erweitern  und persönlich zu reifen. Unterwegs war die Junggesellin in den letzten 42 Monaten nicht nur in Deutschland und Österreich. Als exotischste Etappe beschrieb Anna ihren Aufenthalt in Japan. Dorthin  gelangte sie zwar weder zu Fuß noch per Anhalter. Aber sie fand auch ohne Sprachkenntnisse immer hilfsbereite Menschen, die sie unterstützten. Nur arbeiten konnte  sie ohne Arbeitserlaubnis oder entsprechende Kontakte leider nicht. Immerhin erfuhr sie viel über die Papierherstellung.

„Wir werden grundsätzlich sehr herzlich und freundlich aufgenommen“, lautete eine weitere Erkenntnis. Hohe Ansprüche an ein Quartier hat Anna aber  auch nicht:  „Zwei Quadratmeter warm und trocken sind super, alles andere ist Luxus. Wenn sie in einem Betrieb arbeitet, bekommt sie meistens über den Meister oder Kollegen eine Unterkunft. Unterwegs gebe es zwar Herbergen, aber häufig sei man auf hilfsbereite Mitmenschen angewiesen. Aus der „Fülle an Momenten", erinnerte sich Anna an besonders triste Nachmittage im Novemberregen irgendwo in der Provinz. Und dann tauchten Menschen auf, denen es nichts  ausmachte, einem Dutzend „nasser, nicht wohlriechender Gesellen“ ein trockenes  Quartier und eine warme Kartoffelsuppe anzubieten.

„Unsere Kleidung ist das Büro“, betonte die Junggesellin. Die Kluft sei allerdings erst 100 Jahre jung. „Früher gingen die Leute in ihren besten und stabilsten Sachen los und das war der Sonntagsanzug.“ An der Koppel des Gürtels  prangt das Berufswappen. Die acht  Knöpfe an der Weste über dem weißen Hemd („Stauden“) stünden für die acht  Arbeitsstunden am Tag. Die sechs Knöpfe am Jackett für die sechs Arbeitstage. Früher sollte der goldene Ohrring eine  eventuelle Beerdigung fern der Heimat ermöglichen. Bis heute sind Handys auf  der Walz verpönt. Ganz wichtig dagegen  sind der Hut und das Wanderbuch. „Der Hut steht für unsere Freiheit, der ist unser Heiligtum“, unterstrich Anna. Fast nie gehe  sie ohne ihr Wanderbuch aus dem Haus. Als Buchbinderin hat sie das ihrige selbst gefertigt. „Ich schreibe gar nichts rein“, erläuterte Anna das „fremd geschriebene“ Werk, das einst als Ausweis galt. Heute sammelt sie darin die Siegel der Städte und Arbeitszeugnisse. Nach ihrer Rückkehr will Anna im Herbst einen Meisterkurs absolvieren und sich selbstständig machen: „Ich hoffe, dass ich von meinen Ideen leben kann.“

 Info: In der Druckwerkstatt Mosbach kann die im Handsatz und auf einer Handpresse gedruckte Erklärung der Menschenrechte, numeriert von 1 bis 50, für 45,00 Euro pro Stck. erworben werden.

Buchmachermarkt

„Uralt und druckfrisch“ – Buchmacher- und Papierkunst beim Mosbacher Buchmachermarkt mit Bücher(floh)markt, alle 2 Jahre: Nächster Buchmachemarkt am Samstag, 26. und Sonntag, 27. September 2020

Dass Papier nicht gleich Papier ist, belegen rund 40 Aussteller mit ihren Werken und zeigen, was sich aus, mit und auf dem Material alles machen lässt: Papier geschöpft, beschrieben, gebunden, bedruckt, gefaltet, geschnitten, gerollt, uralt oder druckfrisch. Gezeigt werden Handsatz und Drucktechnik wie zu Gutenbergs Zeiten, Scherenschnitte, die japanische Faltkunst Origami, die Kunst des Buchbindens sowie Papierschmuck, handgeschöpfte Büttenpapiere, marmorierte Papierunikate, außergewöhnliche Alben, Motiv-Stempel und faszinierende Minibücher gehören ebenso zum Repertoire wie das kalligraphische Gestalten persönlicher Lesezeichen oder handgeschriebene und illustrierte Unikat-Bücher.

Selbst Hand anlegen ist angesagt beim Holzschnittdrucken auf der Kniehebelpresse, sowie beim Papierfalten und Marmorieren. In der Druckwerkstatt für Kinder können diese aktiv mitarbeiten, Papier schöpfen und selbst drucken und sich dabei mit Spaß und Freude mit dem Material Papier auseinandersetzen. Beim Bücher(floh)markt am Sonntag finden Bücherfreunde alle Arten von gebrauchten Büchern bis hin zu Antiquarischem.

Ausführliche Informationen zum Programm des Buchmachermarktes sind  unter www.buchmachermarkt.de abrufbar.

Buchmachermarkt